wartenberg potter

Bischöfin i.R.Bärbel Wartenberg-Potter war unserer Hauptreferentin zum Thema

Aufbruch wohin?
Frauen-Vision von Kirche


Wir konnten nicht nur einen sehr lebendig präsentierten Vortrag hören, sondern auch mehrfach miteinander singen. Ungewohnt zunächst, und das Lied war ja auch neu. Aber mit jedem neuen Anlauf wurde es vertrauter und es klang auch immer schöner ....
 
Einige Daten zum Lebenslauf

Die  Theologin Bärbel Wartenberg-Potter war von April 2001 bis Juli 2008 Bischöfin im Sprengel Holstein-Lübeck der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche. Bärbel Wartenberg-Potter - 1943 in Pirmasens/Pfalz geboren - studierte von 1963 bis 1968 Germanistik und Theologie mit dem Abschluss zum Höheren Lehramt. 1980 wurde sie in der Württembergischen Landeskirche zur Pfarrerin ordiniert.
Schwerpunkte ihrer beruflichen Aufgaben waren Ökumene- und Frauenfragen. Von 1977 bis 1980 war sie Studienleiterin im Zentrum für Entwicklungsbezogene Bildungsarbeit in Stuttgart und wechselte 1980 als Direktorin in die Abteilung Frau in Kirche und Gesellschaft des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) nach Genf. 
Von 1985 bis 1990 lehrte Frau Wartenberg-Potter an der Universität der Westindischen Inseln und versah zugleich das Amt der Universitätspfarrerin in Kingston/Jamaika. Von dort wechselte sie 1991 in ein Gemeindepfarramt nach Stuttgart/Botnang und war von 1997- 2001 Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland mit Sitz in Frankfurt am Main.


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Der Text des Vortrages



I. Aufbruch wohin?

Vor mir sehe ich eine Gruppe von Frauen verschiedener Generationen. Sie schicken sich an aufzubrechen. Sie haben die Wanderschuhe angezogen, die Wetterjacken, sie haben sich allerlei Proviant in den Rucksack gepackt, sie sind bereit. Sie entfalten eine Wanderkarte und fragen: „Wo finden wir die Kirche, die wir lieben können? Wie kommen wir dahin? Welche Wege sind zu beschreiten? Ist das Ziel nicht zu groß, zu weit weg, überhaupt erreichbar?“ Einige sage: „Warum losgehen? Mir gefällt es, wie es ist.“
 
Ein wenig ratlos sind sie. Aber so ist es. Wir Frauen im Pfarramt, Frauen in Leitungsämtern, Frauen in der Männerkirche: Wo wollen wir hin? Wo kommen wir her? Ist die Frauenfrage nicht irgendwie altmodisch? Sind Frauen überhaupt noch benachteiligt, fragen neue Frauengenerationen. Sind nicht beide, Frauen und Männer, gefangen in ihren Genderdefinitionen wie in einer babylonischen Gefangenschaft?
 
Biblische Geschichten über Aufbrüche kommen in den Sinn. Sara und Abraham sind aufgebrochen, das Volk Israel aus Ägypten, Maria geht zu Elisabeth, Jesus bricht von Galiläa nach Jerusalem auf. Paulus von Palästina nach Kleinasien. Aufbrüche. Ziele.

Wir begeben uns auf eine Suche. Die Reformation ist auf halbem Wege stehen gelblieben, was die Frauen und Männer betrifft. Wir suchen die Vision, der unsere Väter und Mütter im Glauben gefolgt sind. Die Verheißung des glückenden Lebens mit Gott und den Menschen wölbt sich über uns als Bogen des Bundesschlusses; zieht vor uns her als Stern von Bethlehem; Friede und Gerechtigkeit küssen sich; Lamm und Wolf weiden beieinander; Schwerter werden zu Pflugscharen. Es gibt das Land, in dem Milch und Honig fließen, Feigenbaum und Weinstock tragen in Fülle; Brot und Wein werden geteilt. Die Mächtigen werden von ihren Thronen gestoßen und die Armen mit Güterngefüllt. Tränen werden trocknen und Leid und Geschrei wird nicht mehr sein, ja über tote Gebeine zieht sich, so sieht es Hesekiel, wieder neues Fleisch und Sehnen. Frauen und Männer gehen geschwisterlich miteinander um. Die Kirche hütet die Träume, sie lebt und ist nah bei den Menschen. Da sind die Erinnerungen, die wir einander in den christlichen Gemeinden erzählen. Wir hüten die Hoffnungen auf „die große eschatologische Umkehr aller Verhältnisse“ 1, die Gleichheit der Menschen, die Bewahrung der Schöpfung, wir hüten „die unentbehrliche Hoffnung auf die Vollendung.“ 2

Erinnert Euch an das Glück und die Fülle, an die Vision unserer biblischen Vorfahren. Erinnern wir die Zukunft. Da ist Wegweisung genug. Auch für eine visionsarme Volkskirche der alten reichen Welt im Jahres 2009 der globalen Finanzkrise.
 
II. Was inspiriert uns?
 
Wir wollen eine Kirche, die wir lieben können. Da sticht eine Geschichte besonders hervor, der besonderen Erinnerung wert. Die Geschichte von Pfingsten vor 2000 Jahren. Es ist der Geburtstag der Kirche. Aus der kleinen und unsicheren Christenschar wurde eine mutige und überzeugende Gemeinde. Wir hören die Geschichte von dem starken und feurigen Wehen des Geistes, vom Sturm des Feuers, der Heiligen Ruach. Die Menschen verstanden nicht nur die anderen Sprachen, sie verstanden den tieferen Sinn dieser Botschaft. Da ist sie: die Vision einer Welt, in der sich alle Menschen und Nationen verstehen. Frauen und Männer, Töchter und Söhne weissagen, Junge und Alte haben Träume. Ethnien, Klassenschranken gelten nicht mehr. Alle werden als Ebenbilder Gottes behandelt. Die menschengemachten Trennungen, sie trennen nicht mehr. Die Menschen ergriff ein Enthusiasmus wie bei einer starken Verliebtheit. Und das befähigte sie, zu träumen und mutig zu handeln, zu beten und in den Häusern alles miteinander zu teilen, gerecht und „je nachdem es eineR nötig hatte.“ (Apg. 2:45).  
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Vier Gaben erhielten sie am Pfingstfest:
  • Die Gabe des Verstehens
  • Die Gabe der Gleichwertigkeit (von Frauen und Männern, Juden und Griechen, HerrInnen undSklavInnen)
  • Die Gabe des Teilens
  • Die Gabe des Mutes
Davon leben wir noch heute. Mit einem „Überschuss der Hoffnung“ 3 werden wir ausgestattet in der christlichen Tradition. Aber sind wir auch davon ergriffen? Treibt uns diese Hoffnung an oder doch mehr der Mut der Verzweiflung?
 
Manchmal klammere ich mich wie sinnlos an diese Visionen, damit sie mich emporheben über die Wirklichkeit, in die ich mich verbannt fühle, damit sie sich wie ein Schutzmantel um meine Seele legen. Aber die Versprechen der Bibel wollen uns nicht über die Wirklichkeit heben, sondern gerade hineinstellen, mitten in eben diese Wirklichkeit. Sie wollen gerade dieser Wirklichkeit Zukunft verschaffen. Mitten in dem oft kleinteiligen Alltag des Pfarrberufes erinnern sie uns daran, dass wir auf dem Weg der Gerechtigkeit gehen, dass wir zu jeder Stunde und bei jedem Wetter auf das große Ziel zugehen, daran einen unverzichtbaren Beitrag erbringen, auf die erinnerte Zukunft Gottes mit der Welt, auf das, was noch aussteht.
 
III. Sorgen um die Kirche
 
Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks hat sich die Ökonomisierung aller Lebensbereiche ohne Rücksicht auf mitmenschliche Solidarität in der globalisierten Welt durchgesetzt. Die Fragen der sozialen Verantwortung sind klein, die Entsolidarisierung der Gesellschaft ist groß geworden. Die neoliberale Wirtschaftstheorie hat das stetige Wachstum als alleinigen Motor des Fortschritts durchgeboxt. Dagegen stand und steht der einfache Vernunftsatz: „Auf einer endlichen Erde kann es kein unendliches Wachstum geben.“ (Club of Rome). Das ständige Wachstum kann auf einer endlichen Erde keine Zukunft bringen, ja es wird sie gerade vernichten und tut es schon. Eine „Ökonomie des Genug“ 4 ist nicht in Sicht. Die marktförmige Selbstgestaltung hat auch die Kirchen, das kirchliche Denken, Planen, und besonders die Sprache bis ins Innerste durchdrungen. Eine „Gläubigkeit“ an die Organisationssoziologie mit Serviceleistungen, Qualitätssicherungen, Kundenorientierung, Kompetenzzentren usw. erweckt den Schein moderner Zeitgemäßheit. 5


Es ist keine Frage, dass die Kirche sich verändern muss, dass sie sich modernen Wissens bedienen muss, dass sie ihre Strukturen auf die Entwicklungen der Gesellschaft, auf den Mitglieder‐ und Resourcenschwund einstellen muss. Dies alles aber heißt nur, Messer und Gabel anders auf den Tisch zu legen. Nur, mit der Sprache derOrganisationssoziologie und des Marktes beginnt auch ein anderer Geist in der Kirche zu wirken, der Geist des Wettbewerbes und der Wachstumsideologie. „Unter uns aber soll es nicht so sein“ könnte man geltend machen, wir sind gerufen, den Geist der Geschwisterlichkeit (und nicht des Wettbewerbs) zu tragen, an die Kraft des Senfkornes und der heimlich wachsenden Saat zu glauben und nicht das Wachstum zu organisieren.
 
Was brauchen wir, um Kirche zu sein? Ein kanadischer Bischof sagte einer Gemeinde, die wegen übergroßer Schulden ihr Kirchengebäude verkaufen musste: „Um Kirche zu sein, brauchen wir nur einen Tisch, Brot und Wein und das Wort Gottes.“ Das ist zugleich ein Plädoyer für die kleinen Gemeinden und Gruppen vor Ort. Diese Elementarisierung hilft, wenn wir das Gestrüpp der Fragen lichten wollen, die uns umstellen:  
  • Was wird aus dem volkskirchlichen Selbstverständnis, das noch immer eine flächendeckende Versorgung mit Kasualhandlungen erbringen will ( Be‐treuungskirche, wer versorgt eigentlich wen mit was?)
  • Wie verändern wir die ausschließliche Abhängigkeit von der Kirchensteuer?
  •  Ist das beamtenrechtliche Rechtssystem noch immer angemessen?
  • Welche Konsequenzen ziehen wir aus dem großen Schwund unserer Mitglieder und dem Akzeptanzverlust?
  • Wie sehr sind wir ökumenisch nach innen und außen? Verstehen wir uns als Teil eines größeren Ganzen? Richten wir unsere Strukturen auf Zusammenarbeit oder Autonomie aus?
  All das zwingt die Kirchen, über ihr Wesen neu nachzudenken.
 
Das Wachstumsdenken, das die Ökonomie beherrscht, auch in der Form des „Wachsens gegen den Trend“ 6 ist nur scheinbar missionarisch. In Wirklichkeit wird da der Wagen vor das Pferd gespannt. Vor dem “Arbeitsziel Wachstum“ (wenn es überhaupt ein theologisch legitimes Ziel ist) stehen andere Fragen, etwa die Bonhoeffersche:
  • Sind wir noch brauchbar?
  • Sind wir eine Kulturkirche plus Sozialapparat geworden?
  • Sind wir wirklich eine Gemeinschaft oder eher eine Ansammlung von Individuen?
  • Sind wir nahe genug bei den Menschen?
  • Sind wir prophetisch?
  • Sind wir evangeliumsgemäß?
  • Sind wir Kirche für andere?
Haben wir eine Vision für die Menschen und die Zukunft der geschöpflichen Mitwelt? Wenn wir diese Fragen gewissenhaft bedacht haben, besinnen wir uns auf den Liedvers: “doch Wachstum und Gedeihen steht nur in Gottes Hand“.
 
Zugleich ist das Wort der Jahreslosung des Jahres 2007 noch immer in unserem Ohr: „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ (Jes. 43:19)


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In einer Publikation „Feministische Theologie ‐ Initiativen, Kirchen, Universitäten ‐ eine Erfolgsgeschichte“ 7 wird zum Erstaunen der Lesenden eine große Vielfalt von gelungenen Projekten vorgestellt, die von Frauen in den letzten 30 Jahren auf den Weg gebracht worden sind und die sich sehr erfolgreich entwickelt haben: Frauenzeitschriften, Frauen‐Kalender, Bücher, feministische Exegese und Gottesdienstentwürfe, der Weltgebetstag, Standardwerke, Zusammenschlüsse wie Grenzgängerinnen, ESTWR, Stiftungen, die Feministische Basisfakultät im Kirchentag, das Lila Band in der DDR, Lesbische Netzwerke, der ökumenische ChristInnenrat, Frauenverbände,
Frauenbildungsarbeit, Feministische Religionspädagogik, Liturgie und Sprache, Konvente von Pfarrerinnen bis zur Institutionalisierung Feministischer Theologie an den Universitäten, Dialoge mit Feministinnen anderer Religionen und die interreligiöse Frauenökumene und viele lokale Projekte. Einige dieser Projekte habe auch ich mit auf den Weg gebracht.
 
Eine Erfolgsgeschichte ist da dokumentiert. Wir können unsere eigenen Beispiele dazu stellen. So vieles wurde versucht. Manches ist gescheitert. Vieles ist gelungen. Freuen wir uns daran. Bleiben wir dran.
 
Und doch: Sind es nicht immer noch Nischen? Ist der kirchliche Mainstream wirklich gewachsen hin zu einer Gemeinschaft von Frauen und Männern, die gleichberechtigt zusammenwirken und Kirche gestalten? Ist die Leitungsebene nicht immer noch männerdominiert? Als Bischöfin habe ich oft gedacht: Ich spiele ein Spiel mit, das ich mir nicht ausgedacht habe. Wir Frauen wollten nicht nur ein größeres Stück vom Kuchen, wie wollten einen anderen Kuchen. Wollen wir das noch? Und wenn ja, wo sind wir auf diesem Weg?
 
IV. Stolpersteine
 
Wir wollen eine Kirche, die wir lieben können. Ich bin in meinem Berufsleben immer der Devise gefolgt: Frau soll das Leiden an der Kirche nicht unproduktiv in sich aufstauen, sondern Veränderung und Streit wagen, um die Kirche zu verändern. Ernst Lange, der große ökumenische Denker hat im Nachdenken über die Veränderungsmöglichkeiten der Kirche im Horizont ökumenischer Weite von der „ parochialen Gefangenschaft des christlichen Gewissens“ 8 gesprochen. Er stellte ein „Defizit an Gewissensfreiheit“ 9 fest, denn „die Lernfähigkeit und die Lernbereitschaft der Menschen hängt an der Struktur ihres Gewissens. Ehe die Frage beantwortet werden kann, wie neue Erfahrungen
verarbeitet werden können, muss dafür gesorgt werden, dass sie überhaupt gemacht werden können.. dass die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität und Integrität sie nicht von vornherein ausschließt.“ 10 Er beschreibt, ‐ das war 1972 ‐ dass die Sprache der traditionellen Frömmigkeit nicht offen sei für größere als persönliche Zusammenhänge. „Die primären Erfahrungen haben immer noch vorindustrielle Namen… (und)… beruhen… auf Problemlösungen des Kindes von der Geburt bis zur Pubertät… Die erwachsene Welt in ihrer heutigen Organisationsweise und Konflikten ist religiösmoralisch nie verarbeitet worden, im Gewissen nie zu Wort gekommen.“ 11 Für die befreiende Wirkung des Gekreuzigten gebe es noch kein anderes Wort als „Herrschaft“ für die Antwort der Befreiten nur die Worte „Dienst“ und „Gehorsam“. Er bezeichnete 1972 dies als „archaischeFrömmigkeitsstrukturen“ und „das religiöse Bedürfnis der Mehrheit ist kindlich und hält die Väter in der Vaterrolle fest“. 12  „In eine solche Sprache gehen die Welterfahrungen und die Weltverantwortung… nicht elementar genug (ein), um die Gewissen zu tangieren, zu befreien und neu zu orientieren. Christen leben mit einem parochialen Gewissen in einer universalen Welt.“ 13

Es ging ihm 1972 darum, den „Sprung des christlichen Bewusstseins in den Welthorizont“ 14 zu ermöglichen. Er reflektierte dies anhand des Antirassismusprogrammes des Weltkirchenrates und der Reaktionen der Evangelischen Kirchen in Deutschland. Ist diese Bestandsaufnahme heute noch gültig?

Was hat sich geändert?

Wir wollen eine Kirche, die wir lieben können, als Frauen und Männer des 21. Jahrhunderts. Das parochiale Gewissen ist keine Erscheinung der Ortsgemeinden, die oft in erstaunlicher Weise parochiale Enge überwunden haben Das parochiale Gewissen ist eine Struktur des Denkens und erstreckt sich gerade auch auf die kulturellen, sozialen und auch Gender ‐ Inhalte. Kirchenmitglieder, kirchenleitende Gremien und auch wir selbst leben in unterschiedlichem Maße mit dieser parochialen Form des Gewissens, das sich der veränderten Situation von Frauen und Männern in der modernen Lebenswelt nicht geöffnet hat und das den historischen Erfahrungen mit dem Sexismus und dem Rassismus keinen Raum und keine Sprache gibt und somit den entstandenen Zuwachs an theologischer und spiritueller Einsicht nicht aufnehmen kann und will. Oder doch wenigstens nicht angemessen.      

V. Wie lernt das „parochiale Gewissen“?
 
„Wie lernt das parochiale Gewissen?“ fragt Ernst Lange und wir mit ihm. Die Kirche ist ihm da elementar wichtig. „Denn die Religion hat einen entscheidenden Anteil an der Gewissensbildung.“ 15 Ernst Lange stellt die kühne Faustregel auf: „Das Gewissen lernt nur im Konflikt und am Konflikt.“ 16 „Denn die Konflikte, die den Menschen dumm machen, wenn sie unterdrückt, verschleiert, verschoben werden, sind ja nicht theoretisch, durch Information und Aufklärung allein, zu bearbeiten, sondern nur durch praktische Neuinszenierung 17, durch eine Praxis der Freiheit, die zur Reflexion anstiftet“. Besonders wichtig ist dabei: „Der Anstoß zu solchem konfliktorientierten Lernen ... liegt im Sichtbarmachen der Alternativen. (Erst so ) gewinnen sie (die Menschen) Distanz und werden gewahr, dass sie überhaupt andere Möglichkeiten haben.“ 18 Das Neuerwerben von Verhalten, so sagt die Lerntheorie, ist vergleichsweise einfach. Man addiert neues Wissen zum alten hinzu. Beim Konfliktlernen aber mussetwas bereits Gewusstes erst verlernt werden, um von neuem Wissen ersetzt werden zu können. Da das alte Wissen aber oft konstitutiv ist für die eigene Rolle und die eigene Identität, ist das Konfliktlernen sehr viel schwieriger. Aber, wenn es gelingt, bei weitem tiefgehender.
 
Zu den wichtigsten „Inszenierungen eines Konfliktes“, wenn man es so nennen darf, gehört m.E. die neue Übersetzung der „Bibel in gerechter Sprache“. Dieses Unternehmen geriet zu einem enormen, aber fruchtbaren Konflikt, an dem das parochiale Gewissen von uns allen wachsen kann. Es ist ein Konflikt um Prinzipien, der sich lohnt. Denn wir wollen eine Kirche, die Männer und Frauen lieben können. Für mich ist es in diesem Zusammenhang unabdingbar, dass die Sprache, in der wir unsere Quellen lesen, ihre Inhalte in der Kirche kommunizieren, und mit der wir über Gott sprechen, aus der parochialen Gefangenschaft des Jahrhunderte alten patriachalen Denkens befreit wird.
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Warum?
“Denn jede soziale Theorie hat entdeckt, dass die Sprache Hauptträgerin und Übermittlerin von sozialen Strukturen ist. Die Sprache drückt unser Verständnis aus, wie unsere Positionen in den elementaren Beziehungen zueinander sind. Sie reproduziert und verstärkt bestehende soziale Strukturen. Sprache reproduziert und gestaltet unsere sozialen Beziehungen… Das männliche Monopol in der Gottessprache und in der Beschreibung der Wirklichkeit erinnert die Menschen fortwährend an die Muster der Unter‐ und Überlegenheit und die Machtunterschiede, die die männliche Ausschließlichkeit vermittelt und aufrecht erhält. Die Macht der Sprache ist es entweder, unsere menschlichen Möglichkeiten zu erweitern oder sie ist eine Überträgerin von subtilen oder nicht subtilen Mustern menschlicher Dominanz und Unterdrückung. 19 Für alle Gläubigen gilt, und besonders für Menschen, die den Pfarrberuf ausüben, dass ihre religiöse Identität in der Begegnung mit Gott geschaffen und erhalten wird. Menschen, die in den Pfarrberuf gehen, brauchen, um diesen Beruf gut ausführen zu können, eine starke Identität. Identität hat aber immer auch etwas mit unserer Geschlechterrolle zu tun und, im Sinne Ernst Langes, mit unserem Gewissen.
 
Der anglikanische Bischof William Temple sagte einmal über den Gottesdienst: Gottesdienst feiern heißt
  • das Gewissen schärfen durch die Heiligkeit Gottes,
  • das Denken mit der Wahrheit Gottes „füttern“,
  • unsere Vorstellungskraft durch die Schönheit Gottes reinigen,
  • die Herzen für die Liebe Gottes öffnen
  • und unser Wollen ganz den Zielen Gottes verschreiben.20
„Das Gewissen schärfen“ heißt in unserer Frage: wahrnehmen, dass die Sprache und Metaphernbilder der Gottessprache konstitutiv sind für unsere religiöse Identität. Die Begegnung mit Gott schafft spirituelle Identität und bekräftigt sie immer neu. Sie macht einen identischen, sich selbst annehmenden, authentischen Menschen aus mir: eine ganze Pfarrerin, eine ganze Bischöfin. Die Sprache der Liturgie, der Lieder und der Bibelübersetzungen spricht aber fast ausschließlich von Gott in männlichen Metaphern, bekräftigt also nur einen Pol menschlicher Geschlechteridentität . Die Wiedergabe des biblischen Tetragramms, das gerade die Bildlosigkeit Gottes festhalten will, mit HERR,( wie die Lutherübersetzung es etwa 7000 mal tut) hält die Gewissen der Gläubigen in der parochialen Gefangenschaft patriarchalen Denkens und Privilegierens und hat die Gleichstellung der Geschlechter in den Kirchen (der Reformation, mehr noch in der römisch‐katholischen und den orthodoxen Kirchen) wirkmächtig bis heute verhindert. Eine der wirkmächtigsten bildlichen Darstellungen Gottes ist Michelangelos Gemälde in der Sixtinischen Kapelle: der weißbärtige Allvater, dessen Finger Adam zum Leben erweckt. Ein solches Bild legt nicht nur die Gottesidentität fest. Für Frauen bedarf es einer besonderen gedanklichen Verrenkung, darin ihre eigene Gottebenbildlichkeit zu erkennen und daraus Identität und Kraft für ihr weibliches Leben zu schöpfen. Es wirdwirkungsgeschichtlich nachgewiesener Maßen von Frauen oft als Verneinung ihrer Gottebenbildlichkeit verstanden und hat sich in diesem Sinne auch verheerend auf die Seelen und das Leben von Frauen in der Geschichte ausgewirkt. Frauen aber sollen im Spiegel Gottes ihre Würde und Stärke finden. Deshalb sollen Liturgie und Predigt Männer und Frauen mit den männlichen und weiblichen Metaphern ansprechen. Wichtiger aber noch scheint es mir, die nichtpersonalen Gottesmethapern in der Sprache und Liturgie stark zu machen.

Die „Fülle der Gottheit“(Kol.2:9), ihre biblisch verbrieften Namen und die theo‐poetischen Zeugnisse der Jahrhunderte sollen in den liturgischen Gebrauch aufgenommen werden, damit auch Frauen, schwarze und asiatische Menschen, Kinder, Behinderte, einfach alle wissen: sie sind alle Ebenbilder Gottes mit ihrer unverwechselbaren Identität, die Gott will und stärkt. Wir alle sollen aus der Begegnung mit Gott gestärkt hervorgehen.

„Frauen, die in den Pfarrberuf eintreten, werden aufgefordert, an ihrer eigenen sprachlichen Unsichtbarmachung und Diskriminierung mitzuwirken und sich selbst fortwährend in die Bedeutungslosigkeit zu versetzen. Wir haben eine moralische Verpflichtung, nicht an Sprache teilzunehmen, die ungerechte soziale Beziehungen reproduziert.“(eigene Übersetzung) 21 Pfarrerinnen und Vikarinnen, die nun tagtäglich sich im Raum der religiösen Sprache bewegen, haben ein besonderes Identitätsproblem zu lösen, wenn das parochiale Gewissen ihrer Gemeinden und Vorgesetzen, besonders aber die Last des Gewohnten und vielen Menschen Liebgewordenen nichtermöglicht, aus der patriachalen Sprache aufzubrechen.
 
Freilich glaube ich fest, dass es im Bereich von Spiritualität und Glaube keinerlei Zwang geben darf. Das offene Konfliktlernen im Bereich religiöser und inklusiver Sprache ist deshalb besonders schwer, da es ja bei allen, auch bei den Frauen, um ein Verlernen liebgewordener, lange eingeübter und verinnerlichter Sprachmuster geht. Dass den Frauen das Insistieren auf Sprache immer wieder als Schnickschnack ausgelegt wird, gehört zu den großen Erbitterungen meines Berufslebens. Diese Störung des Gewohnten, das Insistieren auf Veränderungen, diese Irritation ist der Beitrag der Frauenbewegung zur Wiedergewinnung von Authentizität und Wahrheit. Kirche hat schon und wird dadurch langfristig Wahrhaftigkeit und Relevanz in der heutigen Zeit gewinnen, denn ein Festhalten
an theologisch bedenklichen Traditionen, zumal wenn sie sich gesellschaftlich so fragwürdig auswirken, ist ein Gegenzeugnis zur befreienden Kraft des Evangeliums. Jedes System, gerade auch das der patriarchalen Dominanz, darf sich „der Kritik und der Korrigierbarkeit“ 22 nicht entziehen. Es geht bei dieser Frage um das utopische Potential einer versöhnten Gemeinschaft von Frauen und Männern. Es geht um den „Überschuss der Hoffnung“. 23
 
„Diese Gleichberechtigtheit (der Diskutanden, sagt Ernst Lange) … ist nicht verbal herzustellen. Sie ist eine Machtfrage, eine Geldfrage, eine Strukturfrage. 24
 
Wir wollen eine Kirche, die wir lieben können. Wir wollen eine Kirche, die die Identität von Frauen und Männern stärkt und sie nicht durch Sprache behindert oder beschädigt. Wie das umgesetzt wird, über einzelne Schritte, über Toleranz und Insistieren kann und muss man streiten. Aber aufgeben dürfen wir nicht, wenn es darum geht, die parochiale Gefangenschaft der Gewissen in Gender‐Fragen aufzubrechen.

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VI. BauSteine einer menschen und frauenfreundlichen Ekklesiologie

Aufbruch wohin? Was suchen wir? Was ist uns verheißen? Zwei Bilder helfen unserem Verstehen von Kirche: Das Bild vom Leib und den Gliedern (1.Kor.12,12‐31) und das Bild vom Haus der lebendigen Steine (1.Petr.2:4‐8). Der Generalsekretär des ÖRK Philip Potter hat es bei der 6.Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver als ekklesiologische Leitmotiv entfaltet. Dort sagte er: Was bedeutet es, eine Kirche zu sein , „die sich noch immer danach sehnt… ein Haus der lebendigen Steine zu sein, eine Gemeinschaft zu sein, in der Gerechtigkeit und Frieden herrschen…Er (Gott) ruft sie und uns immer wieder auf, Tag für Tag zu Christus, dem lebendigen Stein, zu kommen, so dass wir selbst lebendige Steine werden, sein Leben teilen und seinen Dienst des Leidens für die Menschheit in freudiger Hoffnung weiterführen. „Lebendige Steine werden“ bedeutet aber, dass die Gläubigen und die Gemeinden der Gläubigen nicht voneinander isoliert, allein, versteinert, tot bleiben. Vielmehr werden sie lebendig gemacht und zu einem Haus zusammengebaut (oikos) das vom Geist belebt wird. ... Es (oikos) bedeutete unter anderem Gemeinschaft, Nation, Kultur, Lebensweise, Struktur, Umgebung. Abraham wurde von Gott aus seines Vaters Haus bait, oikos herausgerufen (Gen 12,2) d.h. aus seiner Nation und seinem Kulturkreis heraus, um dank des Bundes ein neues Haus, oikos, zu bilden, das auf den Glauben an und den Gehorsam zu Gott aufgebaut ist (Gen 15,6;17,12‐13).25

Die Säulen
In der ökumenischen Bewegung haben sich 4 Säulen dieses Hauses als Verständigungsgrundlage für das Kirchenverständnis herausgebildet, unter anderem in den Leuenberger Dokumenten, die inzwischen auch die ekklesiologische Diskussion unter Frauen bereichert haben. 26
  • Die liturgia ‐ miteinander die Gegenwart Gottes feiern
  • Die martyria ‐ miteinander sich zu Gott, der befreienden Kraft unseres Lebens bekennen
  • Der diakonia ‐ einander dienen und heilen
  • Und die koinonia ‐ die Gemeinschaft miteinander leben.
Diese vier Säulen des Hauses kommen ins Wanken, wenn eine Säule ausfällt. Diese These ist wichtig für die Prioritätendiskussionen in den Gemeinden und der Gesamtkirche. Als Dach sozusagen kommt die Ökumenebereitschaft hinzu. Man könnte auch sagen: Das Haus steht im globalen Dorf, und nur so kann es bestehen. Denn jede Einzelkirche ist begrenzt, ist nur eine „…Provinz der Weltchristenheit“ 27. Sie ist ergänzungsbedürftig, um ihr Zeugnis relevant ablegen zu können. Die Ökumenizität nach innen wie nach außen ist ein Wesensmerkmal von Kirche, weil wir immer nur Glied an einem größeren Leibe sind. Kirchen sind eine Gemeinschaft der Wechselseitigkeit und des Teilens. Jegliche Selbstabschließung führt zu Erstarrung.28

Sinnstiftung und Gemeinschaftsstiftung
 
Ein lebendiges Modell gelungener Stadtkirchenarbeit ist die Riverside Church in New York, ein Kraftwerk und Zentrum christlicher Präsenz in der Megastadt. James Forbes, Hauptpastor dieser Kirche, sagte über deren Selbstverständnis:
Wir möchten andere dabei unterstützen, ein in jeder Hinsicht menschenwürdiges Leben zu führen, und wir glauben, dass eine tiefe Beziehung zu Gott dabei eine wesentliche Rolle spielt. In dem Sinn versteht diese Kirche sich gern als ein Ort, wo auf das Wohlergehen der Menschen gerichtete Werte vermittelt werden.“29
 
Für die Zukunft einer menschenfreundlichen Kirche ist es wichtig, dass die Kirche Werte vermittelt, besonders in den Zeiten einer sich rapide verändernden Wertekultur. Sie ist Ort der Sinnstiftung. Sie muss aber auch im volkskirchlichen Kontext verbreiteter Indifferenz und Anonymität immer mehr Ort der Gemeinschaftsstiftung werden. Die „Gemeinschaft der Heiligen“ hat eine gemeinsame Berufung: Sie soll miteinander und nach außen kommunizieren d.h. miteinander sprechen und miteinander das Mahl einnehmen und wie die ersten ChristInnen auch die Güter teilen. Die lateinischen Worte communio , communicare, englisch common, community enthalten die Sanscrit Wurzel „mu“ und das bedeutet: das, was zusammengebunden ist. 30
 
Für die pfarramtliche Praxis von Frauen bedeutet dies: Dinge zu tun und zu initiieren, die den Zusammenhalt stärken und die Gemeinschaftserfahrung, das WIR‐Gefühl der Gemeindeglieder fördern. Gemeinschaft stiften ist in der Volkskirchestruktur besonders schwierig, aber nötig.

Versammlung der VerschiedenartigenDie Gemeinde ist dennoch kein Wellness‐Verein. Sie ist ein Ort, an dem man unter dem gemeinsamen Taufversprechen verschieden sein darf. Bonhoeffer sagt dazu in seiner Dissertation „Communio Sanctorum“: „Die Versammlung der Gläubigen bleibt unsere Mutter“ 31 Ihre Bindekraft ist wichtig. Aber die Kirche ist nicht nur der Ort der Traditionsüberlieferung und –pflege. „Wir sehen einen entscheidenden Unterschied zwischen der Gemeinschaft als Hüterin der christlichen Tradition und der christlichen Gemeinde.“32 Sie ist ein Ort, an dem garantiert wird, dass man verschieden sein darf. Denn der Geist Gottes befähigt die Gemeinde, die unterschiedlichsten Menschen zu umfassen, “dass man der Einzelne, der Grieche, Jude, Pietist, Liberale (die A.d.V.) bleibt… der ganz andere, fremde, auch er ist offenbar von Gott gewollt. Über die völlige Ungleichartigkeit der Einzelnen erhebt sich souverän die Einheit des göttlichen Wortes… (es kann) nur die von Gott ins Herz gegebene Liebe (sein), die die Gemeinschaft trägt“. 33 (Christus) schenkt, dass einer den anderen tragen kann und selbst vom anderen getragen wird.“ 34
 
Liebe Frauen, sind wieder einmal wir zur Beziehungspflege aufgerufen? Ja, das sind wir. Alle sind aufgerufen, Frauen und Männer. Der Sinnstiftung die Gemeinschaftsstiftung zur Seite zu stellen, bzw. die in Christus gestiftete Gemeinschaft auch untereinander erfahrbar werden zu lassen und zu stärken, ist ein vordringliches Gebot bei der Reform der Kirche.
 
Der notwendige Streit, in dem wir unser parochiales Gewissen verändern, muss gerade deswegen und dessen ungeachtet, geführt werden, um aus unseren Kirchen lebendige und nicht versteinerte Häuser zu machen. Um den „Überschuss der Hoffnung“ zu erhalten. Der gelungene Streit wird die Kirche stärken.
 
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Pinnwand

An der Pinnwand meiner ekklesiologischen Gedanken stehen noch ein paar Sätze, unsystematisch, aber wichtig. Ich will sie wenigstens nennen. Sie heißen:
  • nach dem Evangelium leben
  • das Evangelium zeitgemäß unter die Menschen bringen
  • die Kirche und uns selbst von jeglichem Sexismus reinigen
  • das Gespräch zwischen den Generationen bewusst führen
  • die Bibel einer eigenen, gemeinschaftlichen, intensiven Relectura unterziehen
  • Halbherzigkeiten überwinden, Mut zur Eindeutigkeit entwickeln, furchtlos werden
  • die kritische Vernunft der Menschen heute ansprechen
  • die Relevanz des Glaubens für die heutige Zeit verstehbar machendie Predigt soll notwendige Konflikte benennen, ermahnen, heilen, trösten
  • eine frauenfreundliche, menschenfreundliche Kirche sein wie Bonhoeffer sagt: „Christus als Gemeinde existierend“. 35
 
VII: Meine vorläufige verbesserungswürdige, kritikbedürftige Vision von Kirche heute
 
Eine Konfirmandin, gefragt, warum sie zum Konfirmandenunterricht gehe, sagte. „Ich möchte lernen, wie man lebt.“ Eine große Erwartung an die Kirche! Ein computerspielsüchtiger gleichaltrigen Junge, der auf Spielentzug war, bekannte: “Ich habe und hatte nichts mehr, für das es sich zu leben lohnt.“36 Deshalb habe ich ein Bild vor Augen, das meine Überlegungen, Erfahrungen und Hoffnungen zusammenfasst, für die ich mich auch im bischöflichen Amt, so gut ich vermochte, eingesetzt habe. Die Kirche ist ein Ort des Trostes, eine Herberge. Sie ist eine Anwältin der Gnade und eine Agentin der Gerechtigkeit. Sie macht uns zu aufrechten und authentischen Menschen. Sie führt uns in die Nachfolge Christi. Sie ist ein Ort der Stärkung (empowerment) und des Feierns zwischen verschiedenen Generationen – vergesst die Kinder nicht ‐ und Schichten, zwischen Geschlechtern, Rassen und Nationen. Sie beherbergt den Reichtum der biblischen Bilder und Traditionen, die Vision eine neuen Himmels und einer neuen Erde, ermöglicht eine lebendige Begegnung mit Gott und Christus, den wir in der Vielfalt der Namen nennen dürfen. Ohne dies verdorren wir und bleiben der Gesellschaft das Brot des Lebens schuldig. Kirche kann heute nur noch ökumenisch und in weltweiter Verbundenheit stattfinden. Sie überwindet die parochiale Gefangenschaft der Gewissen und ist bereitet, im Konflikt zu lernen und ihr Gewissen von den patriarchalen Voreingenommenheiten zu reinigen. Sie sucht neue Formen der Spiritualität. Maßstab christlichen Glaubens ist das „Leben nach der Gerechtigkeit“‐ die Orthopraxie. Sie achtet die biblischen Gebote als Schutzbestimmungen für Menschen, vor allem die Leidenden, und für die ganzen Schöpfung. Sie lebt gewaltlos in Wort und Tat. Sie stiftet Gemeinschaft, die nicht von Abhängigkeit und Paternalismus, sondern vom Geist des Teilens und Verstehens geprägt ist. Sie führt das Gespräch mit den anderen Religionen. Sie ist ein Raum der Erinnerung an geglücktes,gerechtes Leben und erhebt, wo immer es verletzt wird, auch selbstkritisch, in prophetischer Kraft ihre Stimme.
 

Für eine gelingende Zukunft braucht sie beizeiten „neue Modelle der Finanzierung, Abschied vom Wohlstand, vom Beamtentum und der Bürokratie, langfristige Pläne zum Abbau der karitativen Überfrachtung, Verzicht auf manches staatlich garantierte Privileg und Mut zur Mystik. Und sie muss
Abschied vom Patriarchat nehmen. 37
 
 
VII: Unterwegs sein
 
Liebe Schwestern im Pfarramt, das alles sind große, doch unverzichtbare Ziele. Ich verstehe sie als Markierungen auf der Landkarte, als Wegweiser, als Ermutigung, an denen wir uns orientieren und entscheiden, in welche Richtung wir gehen wollen. Auf diesem Weg sind wir nicht allein. Es ist ein Pilgerweg. Andere sind vor uns gegangen, anderewerden nach uns kommen. Wir aber brauchen eine Antwort auf die Frage: Wozu brauchen wir die Kirche heute? Und wir antworten: „ Um zu lernen, wie man leben kann – und nicht nur dies: um zu lernen wie man leben und sterben kann ohne Angst.“ Unterwegs gibt es die Stationen, an denen wir uns stärken. Mit Brot und Wein, mit Liedern undGesängen, mit Schönheit und Vertrauen. Wir gehen miteinander. Wir streiten. Wir lernen und versagen einander auch die schwesterliche Solidarität nicht auf dem Weg. Wir erzählen einander die Geschichten des Gelingens, die Geschichten der Hoffnung. Unsere Wegzehrung ist der Überschuss der Hoffnung wie frisches Wasser auf den immer wieder neuen Wüstenstrecken des alltäglichen Kampfes.




Sisters, carry on. Es geht auf Ostern.


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Text als pdf aufrufen

1        Ernst Lange, Die ökumenische Utopie, Stuttgart 1972, 216

2        A.a.O. 217

3        A.a.O. 216

4        Bärbel WartenbergPotter, Abschiedspredigt über 2.Mose 16,220, „Die Ökonomie des  Genug“ Lübeck, 6.Juli 2008. Dazu Wolfgang Sachs u.a. : „ Zukunfsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“ 2008

5        Kirche der Freiheit, Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21.Jaherhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD, Hannover 2006. Zur kritischen Auseinandersetzung damit: Günther Thomas, 10 Klippen auf dem Reformkurs der Evangelischen Kirche in Deutschland. Oder: Warum die Lösungen die Probleme vergrößern, erschienen in „Evangelische Theologie“ November 2007

6        So im Papier „Kirche der Freiheit“

7        Hg. Gisela Matthiae, Claudia Janssen u.a. Gütersloh 2008

8        Ernst Lange, Utopie, 199

9        A.a.O. 198

10    A.a.O. 198

11    A.a.O. 198

12    Ernst Lange, Kirche für die Welt, München 1981, 303

13    Ernst Lange, Utopie, 198

14    A.a.O.199

15    Ernst Lange, Kirche für die Welt, München 1981, 212

16    A.a.O Kirche, 212

17    Das Antirassismusprogramm des ÖRK war für ihn eine „Neuinszenierung“ die zur Reflexion anstiftet.

18    A.a.O, Kirche, 213.

19    Beverly Wildungen Harrison, Sexism and the language of Christian Ethics, in: Making the connections, ed. Carol Robb, Boston 1985, 23ff

20 Zit. bei Tony Jaspers and Pauline Webb, Worship in every Event, Oxford 1998, S. VIII (Eigene Übersetzung)

21    A.a.O 24

22    A.a.O Lange Utopie 216

23    A.a.O. Lange Utopie 216

24    A.a.O. Lange Welt 210211

25    Walter MüllerRömheld, Bericht aus Vancouver 1983 ,Offizieller Bericht der sechsten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, Frankfurt 214215ff

26    Heike Walz, Ekklesiologie und Geschlecht im ökumenischem Horizont, Vortrag beim 31. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Köln, 2007

27    E. Lange, Kirche, 309

28    So festgehalten in den „Leitsätzen zum Kirchenbild“ der Nordelbischen Reformkommission 2004

29 Katrin Gillwald, Ein Primus der Sinnstiftung. Die Riverside Church, Discussion paper des Wissenschaftzentrums Berlin für Sozialforschung, Mai 2004, S.11

30    A Latin Dictionary ed. Charlton T. Lewis and Charles Short, Oxford 1962 1176

31    Dietrich Bonhoeffer, Communio Sanctorum München 1954, 171

32    A.a.O 89

33    A.a.O 172

34    A.a.O. 183

35    Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer, Eine Biographie, 4.Aufl. 1967, 113

36    Spiegel 12/16.3.2009, 48

37    ZEITDossier vom 11. 2. 1994

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